9. Dezember

Nun sei uns willkommen, Herre Christ,
der du unser aller Herre bist,
willkommen auf Erden.
(EG 22)



Friedhofskapelle Hermsdorf/Spree
(Ev.-Luth. Kirchgemeinde Königswartha)

Die Kirche in Hermsdorf ist eine Besonderheit und Ausdruck ihrer Entstehungszeit in der DDR. Anlass war im Jahre 1950 der Wunsch der Bewohner von Weißig und Hermsdorf nach einem eigenen Friedhof. Bis dahin waren die Verstorbenen zu Hause aufgebahrt und im sechs Kilometer entfernten Königswartha bestattet worden. Üblich war es, den Leichenwagen bis zum Ortsausgang am Waldesrand zu begleiten. Das dortige Ortsschild, das Hermsdorf dem schlesischen Kreis Liegnitz zuordnete, hat im Übrigen die gesamte DDR-Zeit überdauert.

Teil des Beschlusses der Gemeindevertretung war der Bau einer Leichenhalle und die Wahl einer Friedhofskommission. Der Besitzer eines Waldgründstückes stellte sein Grundstück kostenlos zur Verfügung. Am 28. November 1954 wurden die Begräbnisfläche und die Leichenhalle geweiht. Das erste Grab wurde für die Frau des Grundstückbesitzers ausgehoben.

In den folgenden Jahren reifte der Wunsch, ein würdiges Gebäude zu schaffen, in dem katholische und evangelische Gottesdienste, aber auch Trauerfeiern für Nichtchristen stattfinden können.

Gerhard Schramm, der Chef des örtlichen Betonwerkes, war Motor dieses Anliegens. Sein Bruder Fritz, inzwischen nach Westdeutschland geflüchtet, fertigte von dort aus den Gebäudeentwurf an.

Zement und Betonsteine konnten trotz des nicht vorhandenen staatlichen Planes zur Verfügung gestellt werden.

Da der unweit gelegenen Ort Lippen in dieser Zeit dem Braunkohletagebau zum Opfer fiel, holten die Hermsdorfer von der dort abgerissenen Schule Fenster, Eingangstür und Dachziegel. An letzteren klebte der Mörtel derart fest, dass von einer Wiederverwendung abgesehen werden musste.

Als Fußbodenbelag kam über verschlungene Wege Förderbandgummi zur Baustelle. Er wurde in dieser Breite und Stärke üblicherweise für die großen Förderbrücken im Tagebau verwendet. Die hölzernen Lampen besorgte der örtliche Elektriker aus Knappenrode. Das dortige Kulturhaus benötigte diese nicht mehr. Da in der ersten atheistischen Stadt Hoyerswerda ein neues Kino erbaut wurde, konnte die Bestuhlung des alten Kinos dort abgeholt werden. Die vier Pfeiler des Glockenturms bestehen aus abgefahrenen Schienen der Grube.

Im gesamten Bau steckt viel persönlicher und selbstverständlich ehrenamtlicher Einsatz von evangelischen und katholischen Christen sowie Konfessionslosen, den Max Witchas aus Weißig koordinierte.

Eine der großzügigsten Spenderinnen sei stellvertretend für die vielen Geldgeber erwähnt. Sie hieß Agnes Schubert und war eine vertriebene Schlesierin. Sie war so sparsam, dass sie zu Bett ging sobald es finster wurde, damit kein Strom für Licht verschwendet wurde.

Nach zwei Jahren Bauzeit wurde das Gebäude am Oktober 1963, unter dem bezeichnenden Namen Sprechhalle, dem Hermsdorfer Bürgermeister übergeben.

Neben Glocke, Harmonium und Altar sollte für diesen Kirchenbau auch der Taufstein nicht fehlen. Dieser ist das Gesellenstück des Gebäudearchitekten Fritz Schramm. Er hatte es während seiner Lehrzeit in Schlesien aus Sandstein anfertigt. Damit der Taufstein nicht zu sehen war, erhielt er eine Umhausung, die gleichzeitig als Lesepult diente. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 konnte sie entfernt werden. Die ortsansässige Bauzimmerei Hoffmann schuf ein Lesepult und einen neuen Altar.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher übersteigt manche Besucherzahl einer barocken Kirche. Auch wenn diese Kirche kein Touristenmagnet ist, so ist sie doch unsere Kirche.

(Text und Fotos aus „Komm und sieh“, hrsg. vom Ev.-Luth. Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz, Lusatia Verlag, Bautzen, 2011)